Haben oder Sein

Sie stimmen mir sicherlich zu, wenn ich behaupte, Müll ließe sich hervorragend dadurch vermeiden, dass man Sachen erst gar nicht kauft. Wenn wir also Müll vermeiden können, indem wir Sachen nicht kaufen, heißt das im Umkehrschluss, dass wir Sachen kaufen, die wir nicht brauchen? Warum tun wir das?

So viele Gründe ich jetzt hier auch nennen könnte, bin ich überzeugt davon, dass sie sich alle in einem vereinen lassen: Kompensation.
Nach Erich Fromm gibt es zwei verschiedene Existenzweisen: Haben und Sein. In der ersten wird Reichtum durch Besitz (passiv) realisiert, in der zweiten durch Leben (aktiv). Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe, leben wir in den Industrieländern im Wohlstand. Unsere Nahrung, Unterkunft und Unversehrtheit sind mehr oder weniger sicher gestellt. Nachdem also unser Überleben gesichert ist, können wir uns dem Leben widmen, dem Sein. Tiefes Glück, Zufriedenheit und Erfüllung finden wir nur im Sein. Haben hingegen generiert all diese Empfindungen nur an der Oberfläche und nur vorübergehend. Warum um Himmels willen fahren wir dann so darauf ab? Zum einen fehlt den meisten von uns für’s Sein die Zeit. Die meisten von uns müssen – Wohlstand hin oder her – arbeiten. Und für die Mehrheit von uns hat das leider weder mit Sein, noch mit Leben all zu viel zu tun. Zum anderen werden wir auf’s Haben konditioniert. Durch Werbung und durch Produkte der Unterhaltungsindustrie, durch mangelnde Erziehung und Bildung.  Außerdem ist Haben eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale. Wer sich selbst nicht genug ist, muss ausgleichend haben, mehr haben, noch mehr haben. Umgekehrt gilt: Je mehr ich bin, desto weniger brauche ich.

Die eigentliche Herausforderung ist es, sich einer Existenzweise des Habens bewusst zu werden. Oft sind wir so sehr in unserem Alltag gefangen, dass wir es als unmöglich empfinden, uns nach Innen zu wenden und den Mangel an Sein aufzuspüren und zu beheben. Aber auch das Sein ist naturgemäß nicht von Dauer, es ist ein Werden. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der Aufmerksamkeit, Zeit und Pflege benötigt. Deshalb fahren wir so auf das Haben ab. Weil es weniger anspruchsvoll, schneller zu realisieren und eben leichter zu haben ist.

Haben oder Sein?